Friedrich – Spät entdeckte Hochbegabung

Friedrich – Spät entdeckte Hochbegabung

Friedrich - Spät entdeckte Hochbegabung

Narzisstische Verhaltensweisen als Lösungsstrategie

Friedrich ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Er war als Baby ein richtiges Schreikind. Die Eltern waren absolut überfordert. Seine Mutter litt an einer postpartalen Depression, die unbehandelt blieb. Friedrich hatte also schon schwierige Bedingungen bei seinem Start ins Leben.

Wut, Ungeduld und Grobmotorik

Friedrich bekam weitere Geschwister. Er war sehr empfindsam. Schnell wurde er wütend und ebenso schnell war er gekränkt. Eine ungeheure, innere Kraft trieb ihn an. Mit seinen Mitmenschen war er sehr ungeduldig.

Das Essen war ein schwieriges Thema. Er war sehr wählerisch…. Zeitweise lebte er vegetarisch, da er den Geruch von Fleisch und Wurst nicht ertragen konnte. Außerdem war er feinmotorisch nicht sehr geschickt. Seine Kraft passend zu dosieren fiel ihm schwer. Viele Spielsachen überlebten dies leider nicht. So säumten häufige Frustrationen seinen Entwicklungsweg.

Schule

In der Schule tat sich Friedrich schwer. Da er eben feinmotorisch nicht so geschickt war bekam er häufige Tadel wegen seinem Schriftbild. Und Ordnung zu halten mit den Schulheften war auch nicht gerade seine Stärke. Auf dem Bauernhof dagegen liebte er es mit seinem Vater unterwegs zu sein. Den Traktor zu reparieren oder die Maschinen zu warten bereitete ihm Freude.

Sein Schulweg führte in die Realschule. Dort fühlte er sich anfangs wohl und kam mit den Aufgaben zurecht. Durch sein technisches Interesse wählte er den technischen Zweig mit viel Mathe und Technischem Zeichnen. Gleichzeitig übernahm er auf dem Hof immer mehr Aufgaben. Und je älter er wurde desto weniger Freude hatte er in Schule. In der neunten Klasse hatte er schließlich überhaupt keine Lust mehr auf Schule. Er beschloss, Landwirt zu werden und hörte auf, überhaupt noch irgendetwas für die Schule zu tun. Im Halbjahr war er dann versetzungsgefährdet. Und am Jahresende half dann nichts mehr. Die Klasse musste wiederholt werden.

Instruktionsqualität und Lehrer-Schüler-Beziehung

Häufig tun sich Menschen mit Hochbegabung in der Schule schwer. Sie zweifeln an sich selbst, weil sie entweder die Sachverhalte sofort verstehen und dann durch das viele Wiederholen und Üben in der Klasse an sich selber zweifeln. So nach dem Motto: Irgendetwas daran muss ich noch nicht verstanden haben. Sonst würden wir es ja nicht ständig wiederholen. Dann verkomplizieren sich diese Menschen den Stoff unnötigerweise und verstehen am Ende nur noch Bahnhof.

Oder aber sie verstehen die Erklärung gleich am Anfang schon nicht, da die Instruktion nicht auf ihrer Ebene stattfindet oder die Beziehung zum Lehrer schlecht ist. Und dann hilft auch alle Wiederholung nicht mehr. Es zeigt sich, dass wenn Schüler mit Hochbegabung die Lerninhalte auf ihrer Ebene sinnhaft erklärt bekommen, sie es sehr schnell begreifen und dann auch keine weitere Übung nötig ist.

Unterstützung und Ermutigung

Als seine Eltern seine Pläne erfuhren ermutigten Sie Friedrich sich doch anzustrengen. Schließlich erlebten sie ihren Sohn als interessierten jungen Mann, der ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen war. So schaffte er dann am Ende doch noch einen guten Schulabschluss.

Es gibt noch viele Vorurteile beim Thema Hochbegabung. Ein Kind mit Hochbegabung wird wohl eher in der Arztfamilie als in der Bauernfamilie vermutet…

Brüche im Berufsleben

Friedrich startete eine Ausbildung im Bereich Maschinenbau nach der Schule. Aber auch da tat er sich mit dem Thema Kraftdosierung schwer. Bei einem Unfall verletzte er sich so, dass eine Ausübung des Berufes nicht mehr möglich war.

Seine Noten in der Berufsschule waren aber so gut, dass er sich für eine Weiterqualifizierung an der Technikerschule entschied. 2 Jahre Schule – jetzt endlich der Start ins Berufsleben. Aber sein Berufsleben war von vielen Brüchen gekennzeichnet.

Friedrich war immer schnell abgelenkt. Er durchschaute bestehende Systeme leicht und hielt mit Veränderungsvorschlägen nicht zurück. Außerdem war er sehr ungeduldig und konnte es nur schwer aushalten, wenn nötige Veränderungen lange dauerten. Das machte ihn nicht sehr beliebt. „Der Besserwisser wieder“ – tönte es durch´s Büro. Seine innere Lösungsstrategie war: Schutzschild hoch – Menschen auf Abstand halten – sich selbst in die Mitte stellen – etwas Arroganz und Stärke zeigen. Da sein Selbstbewusstsein nicht sehr stark war erhöhte er sich, indem er andere erniedrigte. Narzissmus als Lösungsstrategie.

Narzisstische Verhaltensweisen als Lösungsstrategie

Friedrich litt im Laufe seines Lebens an allerlei Verletzungen (inneren wie äußeren). Er suchte sich immer wieder Bewunderer. Sobald aber die Beziehungen tiefer wurden, oder er sich nicht mehr mit seinem Gegenüber schmücken konnte, zog er sich zurück. Nicht leise – nein eher polternd. Kraftdosierung….. Außerdem zeigten sich immer wieder depressive Episoden.

Erst mit 50 Jahren wurde auf einer Reha die Hochbegabung festgestellt. Damit hatte Friedrich nicht gerechnet. Aber auch hier lies man ihn mit diesem Ergebnis alleine. Niemand erklärte ihm die Zusammenhänge seiner Probleme mit der Welt da draußen und seiner Hochbegabung. Man vermutete ADHS und behandelte ihn dementsprechend auch Medikamentös. Leider mit mäßigem Erfolg.

Hochbegabung muss in der Therapie berücksichtigt werden

In meiner Praxis erzählte Friedrich von seinen Lebensstationen und noch vielen weiteren Kränkungen. Und endlich sagte er: „Da ist ein Monster in mir, dass ich nicht bändigen kann.“

Das habe ich schon häufiger gehört. Der Drache, das Monster, das Ungeheuer. Die enorme innere Energie, der ständige Hunger nach Neuem wird negativ benannt.

Friedrich lernte im Coaching auf seinem „Monster“ zu reiten und es sich nutzbar zu machen. Schrittweise lernte er, sich auf andere Menschen einzulassen und Vertrauen aufzubauen. Vor allem auch Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten. Wertschätzen dessen was er kann und auch verstehen, dass andere in diesem Tempo nicht mithalten können. Dabei half ihm zu verstehen, wer er ist und wer die anderen sind.

Friedrich nahm Kontakt auf mit anderen hochbegabten Menschen. Endlich Gegenüber, die genauso schnell dachten wie er. Menschen, die auch so gefühlsstark waren wie er. Und auch diese Menschen hatten ab und an Probleme mit der Kraftdosierung.

Gefühlsintensität bei Hochbegabung

Unser Denken ist immer mit Gefühlen verbunden. Unsere Entscheidungen sind immer Gefühlsbetont. Gefühle sind wie das Blut in unserem Körper. Bei allem sind sie dabei und ohne sie geht es nicht. Menschen mit Hochbegabung sind sehr Gefühlsintensiv. Und die Regulation der Emotionen ist als Erwachsener nicht mehr so leicht zu lernen wie als Kind.

Je früher Menschen mit Hochbegabung gefördert werden desto leichter fällt es ihnen sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden und Ihren Platz einzunehmen.

Die Geschichte von Friedrich ist ein beispielhafter Zusammenschnitt von verschiedenen Lebensberichten hochbegabter Menschen. Vielleicht finden Sie sich wieder im Friedrich. Und vielleicht ermutigt Friedrich sie, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Es ist nie zu spät für ein neues Leben!